Jemen: Der Krieg hat meine Frau getötet

Der Jemen leidet unter einer instabilen Wirtschaft, politischen Spannungen, Aufständen und Konflikten, die bereits mehrere Jahrzehnte andauern.

Der Beginn des Konfliktes im März 2015 stellte jedoch einen Wendepunkt für die wirtschaftliche, soziale und humanitäre Zukunft des Landes dar.

Ich bin im Jemen geboren und habe immer hier gelebt, mein Leben drehte sich bislang um meine Familie und meine Arbeit, jetzt aber ist es ein einziger Kampf ums Überleben. Ich denke an den Tag zurück, an dem sich der Himmel innerhalb von Minuten mit Bombenflugzeugen füllte.

 

Als wir realisierten, was geschah, liefen alle schnell zu Unterkünften, wir wollten uns vor den Bomben schützen. Die darauffolgenden Tage blieben wir zuhause eingeschlossen. Der Waffenstillstand wurde etabliert. Es wurde schwierig, an Nahrung, Wasser und selbst einfache Gegenstände zu kommen.

„Ihr Leben ist schlicht und einfach vom Konflikt ruiniert worden“

Im Januar zählten wir 10000 Tote und 40000 Verletzte. Die humanitäre Notlage schlägt alle Rekorde.

Die regelmässigen Bombenangriffe und militärischen Manöver, die darauf abzielen, die Wirtschaft zu schwächen, haben öffentliche Dienste und den privaten Sektor zerstört, und damit ein bereits armes und geschwächtes Land an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.

Ohne die internationalen Hilfeleistungen wäre der Jemen bereits kollabiert. Der Grossteil der Bevölkerung ist arbeitslos oder hat keine Einnahmequellen mehr und musste sich von den meisten Besitztümern trennen.

Ihr Leben ist schlicht und einfach vom Konflikt ruiniert worden. Mehr als 20 Millionen Menschen haben humanitäre Hilfe dringend nötig, um zu überleben. Das ist mehr als in jedem anderen Land der Welt. Die Internationale Gemeinschaft sieht sich der schlimmsten menschenverschuldeten Katastrophe seit Jahrzehnten gegenüber.

Ich arbeite seit 2010 für Islamic Relief. Im Laufe der vergangenen beiden Jahre ist unser Programm, das die Verteilung von Wasser und Nahrung, den Aufbau von Gesundheitsstrukturen, die Unterstützung von Waisen sowie die berufliche Ausbildung für Jugendliche beinhaltet, mehr als 4,6 Millionen Menschen zugute gekommen.

Zuletzt haben wir uns gegen die Choleraepidemie mit der Verteilung von medizinischer Ausrüstung und dem Aufbau von sehr grossen Zelten bei den Krankenhäusern eingesetzt, um ihnen zu helfen, dem Ansturm der Patienten gerecht zu werden.

Ich habe mit ganzem Herzen, meiner Seele, aber auch meiner Erfahrung und meinem Wissen alles dafür getan, dass diese so essentielle Hilfe dort zum Einsatz kommt, wo sie am dringendsten benötigt wird, oft war das mit schwierigen Bedingungen verbunden.

„Meine Kinder sind von den Bomben traumatisiert und verharren bewegungslos, wenn sie Flugzeuge hören“

Aber wie für alle Jemeniten hat der Konflikt auch auf mein Privat- und Familienleben enorme Auswirkungen. Ein Bombenangriff in unserer Nähe im Jahr 2015 hat für meine Familie und mich den Beginn des Kriegshorrors bedeutet.

Sie können sich die Explosionen nicht vorstellen. Nicht im Entferntesten. Der Boden bewegte sich unter unseren Füssen, als hätte es ein Erdbeben gegeben. Die Türen und Fenster wurden aus den Angeln gerissen und überall lag zersplittertes Glas. Meine Kinder waren sehr verängstigt. Die Auswirkungen waren katastrophal. Ich wollte meine Familie weit entfernt von den Gewaltausbrüchen wissen. Wir sind viermal umgezogen, in der Hoffnung, einen Ort zu finden, an dem wir in Sicherheit leben konnten, aber mit den immer häufigeren Bombardierungen, die immer mehr Orte betrafen, ist das unmöglich geworden.

Trotz allem habe ich mich weiterhin mit Islamic Relief engagiert und Hilfe für betroffene Gemeinden geleistet. Ich bin mir aber auch der physischen und psychischen Belastung bewusst, die der Konflikt für meine Familie darstellt. Meine Kinder sind von den Bomben traumatisiert und verharren bewegungslos, wenn sie Flugzeuge hören.

Bei meiner Frau wurde eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert. Aufgrund der Blockade konnten wir die notwendige Behandlung nicht erhalten. Sie hat zwei Jahre lang gelitten, bevor sie verstarb. Ich glaube, dass der Stress und die Angst vor der Gewalt ihren Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert und letztendlich zu ihrem Tod geführt haben. Sie war eine liebevolle Frau und die perfekte Mutter für unsere Kinder. Ihr Tod hat uns so viel Schmerz bereitet und wird für immer eine Lücke in unseren Herzen hinterlassen.

„Die Gewalt muss aufhören“

Während ich diese Worte schreibe, hält die Gewalt an. Ich muss für meine Kinder und meine Gemeinde stark sein. Meine Arbeit mit Islamic Relief ist es, was es mir ermöglicht, nach vorne zu schauen. Wenn wir einer Familie oder einem Menschen helfen, ihr Leid zu lindern, ist es die Erleichterung in ihren Augen und das Lächeln auf ihren Lippen, das mich in meiner humanitären Arbeit weitermachen lässt.

Mein Land, der Jemen, benötigt Hilfe. Die Gewalt muss aufhören.”

Salem Jaafar Baobaid ist Teil des Islamic Relief Teams im Jemen. Der originale Artikel ist hier zu finden: http://www.huffingtonpost.ca/islamic-relief-canada/my-wife-died-because-of-the-conflict-in-yemen_a_23072281/