Notfall Gaza

Derzeit wird etwa jeder 25. Palästinenser in Gaza verletzt oder getötet, während die israelischen Angriffe unvermindert weitergehen

Die Situation in Gaza ist katastrophal. Die bereits schutzlose Bevölkerung ist immer heftigeren Luftangriffen ausgesetzt, die die Zahl der Opfer rapide ansteigen lassen und Hunderttausende Menschen obdachlos machen. Islamic Relief verurteilt weiterhin aufs Schärfste jegliche Gewalt gegen die Bevölkerung in Gaza.  

Die Zahlen dieser Tragödie

Bereits mehr als 37,658 Palästinenser wurden getötet und mehr als 86,098 verletzt. Die Zahl der Toten und Verletzten dürfte mit der Fortsetzung der Bombardierungen rasch ansteigen. Nahezu 50% der Getöteten sind Kinder. Auch im Westjordanland wurden mehr als 330 Menschen getötet und mindestens 2.750 verletzt. 

Bericht eines Islamic Relief-Mitarbeiters vor Ort

«Die Situation ist äusserst beängstigend. Ich schreibe diese Worte, während mein Haus von der Intensität der Bombardierungen erschüttert wird. Als Erwachsener, der in den letzten Jahren so viel Gewalt erlebt hat, bin ich entsetzt. Ich denke, dass wir dieses Mal wahrscheinlich nicht überleben werden. Die Luftangriffe zerstören alles. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Gaza aussehen wird, wenn das alles vorbei ist.» Mitarbeiter von Islamic Relief in Gaza.

Wie bringt Islamic Relief weiterhin Hilfsgüter nach Gaza? 

Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern in Gaza und der Region des Nahen Ostens sind wir in der Lage, so viel Hilfe wie möglich zur Verfügung zu stellen. 

Wir arbeiten mit UN-Organisationen wie dem Welternährungsprogramm (WFP) zusammen, die Lebensmittel über den Grenzübergang Kerem Shalom transportieren, die wir dann verteilen. Ausserdem konnten wir Hygieneartikel, medizinische Produkte und andere Hilfsgüter über die Lastwagenpassagen bringen und verteilen. Dazu gehören warme Kleidung, Hygieneartikel für Frauen und Windeln für Kinder. Artikel wie Decken und Hygienesets wurden über den Grenzübergang Rafah gebracht, und wir versuchen weiterhin, weitere Artikel auf den Weg zu bringen.

Eine humanitäre Katastrophe

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass mehr Hilfsgüter nach Gaza gelangen und dass es zu einem dauerhaften Waffenstillstand kommt. Nur 10% der benötigten Nahrungsmittelhilfe kommt an. Die UNO berichtet, dass eine Million Menschen unter einer schweren Hungersnot leiden und die meisten Familien tagelang nichts zu essen haben.

Partnerschaft mit dem Welternährungsprogramm

Islamic Relief arbeitet mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zusammen, um dringend benötigte Nahrungsmittel nach Gaza zu bringen. Derzeit bereiten wir täglich warme Mahlzeiten für mehr als 200.000 Vertriebene zu, die in überfüllten Unterkünften leben. Seit Oktober 2023 haben wir mehr als 166 Millionen Mahlzeiten für vertriebene Familien ausgeteilt.

Bisher verteilte Hilfe

Seit Oktober 2023 konnte Islamic Relief über 18 Millionen Schweizer Franken an Hilfsgütern verteilen. Die folgenden Zahlen wurden zuletzt am 15 Juli 2024 aktualisiert.

Transparenz ist uns sehr wichtig, deshalb beantworten wir hier Fragen direkt mit den neuesten Informationen zu unserem aktuellen humanitären Einsatz in Gaza.

FAQ

Wir sind Zeugen einer unvorstellbaren humanitären Katastrophe in Gaza, die auf mehr als acht Monate ununterbrochener israelischer Bombardierungen und einer andauernden Blockade zurückzuführen ist. Es handelt sich um eine regelrechte Kollektivstrafe. Das Völkerrecht wird ignoriert, und die führenden Politiker der Welt haben es versäumt – oder sich geweigert – zu handeln, um dieses Massaker zu beenden, das mehr Zivilisten tötet als jeder andere Konflikt in diesem Jahrhundert. Innerhalb von acht Monaten wurden in Gaza mehr Kinder getötet als in allen Kriegen der letzten vier Jahre zusammen. 

Gaza erlebt derzeit die schlimmste Hungerkrise weltweit und eine Massenhungersnot steht unmittelbar bevor. Die Teams von Islamic Relief berichten von herzzerreissenden Szenen, von Familien, die tagelang nichts zu essen haben, und von verzweifelten Kindern, die Gras, Blätter oder jeden Abfall essen, den sie finden können, um zu überleben. Hunderte von Menschen wurden erschossen, als sie Schlange standen, um Hilfe für ihre hungernden Kinder zu erhalten.  

Gaza liegt in Trümmern, mehr als 60% der Häuser sind beschädigt oder zerstört. 80% der Schulgebäude sind beschädigt, Krankenhäuser werden weiterhin bombardiert und belagert, medizinisches Personal und verletzte Patienten müssen das Land verlassen. Hunderte von Angriffen wurden auf Gesundheitseinrichtungen verübt, zwei Drittel der Krankenhäuser sind inzwischen ausser Betrieb, die übrigen können nur mit Mühe weiterarbeiten. 

Es gibt keinen sicheren Ort für die Bevölkerung. 1,9 Millionen Menschen (85% der Bevölkerung) sind heute Vertriebene – viele von ihnen mussten mehrmals fliehen, viele wurden auf der Flucht vor Bombenangriffen zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen. Die meisten leben derzeit in überfüllten Unterkünften oder Zelten, in denen sich Krankheiten schnell ausbreiten, und sich Hunderte von Menschen eine einzige Toilette teilen müssen. 

Mehr als eine Million Menschen drängen sich in Rafah, dem südlichsten Bezirk an der ägyptischen Grenze, der zu einem der überfülltesten Orte der Welt geworden ist.  Viele Menschen leben in provisorischen Zelten. Israel droht weiterhin damit, seine Angriffe auf Rafah zu verstärken, was die bisher tödlichste Phase werden könnte und katastrophale Folgen für die Zivilbevölkerung hätte. 

Trotz der schrecklichen Situation blockiert Israel die humanitäre Hilfe. Was in den Gazastreifen gelassen wird, reicht bei weitem nicht aus, und die Hilfslieferungen sind nur wenige Minuten von den hungernden Kindern entfernt, werden aber daran gehindert, sie zu erreichen. Die humanitäre Krise wird von Tag zu Tag schlimmer. Um dieses Leid zu beenden, ist ein sofortiger und dauerhafter Waffenstillstand ebenso notwendig wie ein Ende der israelischen Blockade. 

Die Zahl der Todesopfer in Gaza steigt täglich weiter an. Mehr als 38,584 Menschen wurden getötet und mehr als 88,881 verletzt. Mindestens 16,054 Kinder sind unter den Getöteten. Die Zahl der Todesopfer ist wahrscheinlich noch höher, da Hunderte von Menschen noch immer nicht offiziell erfasst wurden. 

Die Mehrheit der Getöteten und Verletzten sind Zivilisten – Kinder, Studenten, Ärzte, Lehrer, Bauern, Händler, Journalisten und viele andere. Unter den Toten sind 500 Mitarbeiter des Gesundheitswesens, 174 UN-Mitarbeiter und 159 Journalisten. Viele Verletzte haben Gliedmassen verloren oder andere Verletzungen erlitten, die sie für den Rest ihres Lebens beeinträchtigen werden. Tausende von Kindern wurden zu Waisen. 

Es ist zu befürchten, dass die Zahl der Todesfälle durch Hunger und Krankheiten in den kommenden Monaten die Zahl der Todesfälle durch Gewalt übersteigen wird. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der London School of Hygiene and Tropical Medicine und des John Hopkins Center for Humanitarian Health spricht von einer zusätzlichen Sterblichkeit von bis zu 85.750 Menschen in den nächsten sechs Monaten, wenn es nicht sofort zu einem Waffenstillstand kommt. 

In Israel wurden bei den Angriffen vom 7. Oktober etwa 1.200 Menschen getötet, darunter etwa 800 Zivilisten und 33 Kinder. Mehr als 5.400 Menschen wurden verletzt und mindestens 239 Menschen wurden in Gaza als Geiseln genommen – einige von ihnen sollen inzwischen getötet worden sein. 

Diese Zahlen veröffentlichten die Vereinten Nationen auf der Grundlage von Berichten des palästinensischen Gesundheitsministeriums und der israelischen Regierung. 

Trotz der schwierigen und gefährlichen Situation arbeitet das Team von Islamic Relief in Gaza eng mit lokalen und internationalen Partnerorganisationen zusammen, um den Bedürftigen Unterstützung zu bieten. Seit Oktober 2023 haben wir Hilfsgüter im Wert von über 12 Millionen CHF verteilt. 

Zu Beginn des Krieges verteilten wir medizinische Hilfsgüter, um Krankenhäuser und Gesundheitszentren in Gaza bei der Behandlung verletzter Zivilisten zu unterstützen.  

Seitdem verteilen wir täglich Hilfsgüter: 

Versorgung mit Nahrungsmitteln. Wir bereiten mehr als 8 Millionen warme, verzehrfertige Mahlzeiten zu und verteilen sie an Vertriebene. Darüber hinaus stellen wir je nach Verfügbarkeit Tausende von Lebensmittelpaketen, Lebensmittelgutscheinen und Gemüsepaketen zur Verfügung. 

Nahrungsergänzungsmittel. Wir versorgen mehr als 23.000 Menschen, darunter Kleinkinder, Schwangere und stillende Mütter, mit Nahrungsergänzungsmitteln auf Lipidbasis (SLN). SLN ist eine neue Entwicklung, die konzentrierte Dosen von Energie, Proteinen, Mikronährstoffen und essenziellen Fettsäuren liefert, um Mangelernährung zu behandeln, bevor sie lebensbedrohlich wird. 

Psychosoziale Unterstützung. Wir organisieren Spiele, Unterhaltung und spielerische Aktivitäten für mehr als 76.437 vertriebene Kinder, die unglaublich traumatische Erfahrungen gemacht haben. Diese Aktivitäten bieten einen seltenen Moment der Fröhlichkeit und Normalität.  

Hygiene- und Würdekits. Wir stellen Kits mit Produkten wie Seife, Zahnbürsten, Zahnpasta und Menstruationshygieneartikeln für fast 44.000 Familien zur Verfügung. 

Weitere wichtige Hilfsgüter. Wir verteilen Hilfsgüter wie Decken und Matratzen an über 25.000 vertriebene Familien. 

Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH). Wir stellen sanitäre Einrichtungen für 10.000 Menschen und sauberes Trinkwasser für Hunderte von Familien bereit. 

Patenschaften für Waisen. Wir haben unser Programm für Waisenkinder ausgeweitet und übernehmen nun Patenschaften und überweisen Geld an die Familien von 10.624 Kindern in Gaza, um sie in dieser kritischen Zeit beim Kauf von Hilfsgütern oder bei der Suche nach einer Unterkunft zu unterstützen. 

Unsere langfristigen Projekte in Gaza sind kriegsbedingt unterbrochen. 

Der Grossteil unserer Verteilungen findet in den vier Hauptgebieten von Gaza statt: Khan Yunis, Rafah, Deir El Belah und Nordgaza. Der Umfang und der Ort unserer Arbeit hängen von der Sicherheitslage ab, da die willkürlichen und intensiven Bombardierungen ein hohes Risiko für unsere Mitarbeiter, Partner und die Menschen, denen wir helfen, darstellen. Die meisten unserer Mitarbeiter wurden bereits mehrfach vertrieben und haben ihre Häuser und Familien verloren. 

Unsere wichtigste Partnerschaft ist die mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP), dessen grösster NGO-Partner wir heute sind. Wir suchen weiterhin nach Möglichkeiten, diese Partnerschaft auszubauen. 

Gemeinsam leisten wir Nahrungsmittelsoforthilfe in Gaza. Wir bereiten täglich warme Mahlzeiten für rund 140.000 Familien zu, die aus ihren Häusern geflohen sind und nun in überfüllten Unterkünften leben, wo die Gefahr von Mangelernährung und Krankheiten besteht.  

Im Rahmen unserer Partnerschaft mit dem Welternährungsprogramm haben wir ausserdem mehr als 21.000 Menschen, darunter Kleinkinder, Schwangere und stillende Mütter, mit Nahrungsergänzungsmitteln auf Lipidbasis (SNL) versorgt. SNL ist eine neue Entwicklung, die konzentrierte Dosen von Energie, Mikronährstoffen, Proteinen und essenziellen Fettsäuren liefert, um Mangelernährung zu bekämpfen, bevor sie lebensbedrohlich wird. 

Alle oben genannten Aktivitäten werden fortgesetzt, wobei Sicherheit und Versorgung wie immer gewährleistet sind. Wir werden weiterhin täglich gekochte Mahlzeiten für die Familien bereitstellen. Aus Sicherheits- und logistischen Gründen werden diese Mahlzeiten tagsüber zubereitet und verteilt.   

Ebenso stellen wir den Kindern Kleidung für das Opfer-Fest (Eid ul-Adha) zur Verfügung. 

Durch die andauernden Angriffe und die Blockade verhindert Israel, dass die dringend benötigte Hilfe den Gaza-Streifen erreichen kann. 

Gaza ist seit fast 17 Jahren einer israelischen Blockade unterworfen. Die Blockade schränkt den Waren- und Personenverkehr innerhalb und ausserhalb des Gazastreifens durch streng bewachte Grenzübergänge ein. Am 7. Oktober verschärfte Israel die Blockade noch weiter und verhängte eine totale Belagerung, die die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten, Gas und anderen Gütern unterbrach. 

Israel kontrolliert alle Hilfslieferungen, die nach Gaza gelangen. Lastwagen mit Hilfsgütern warten wochenlang auf die israelische Genehmigung zur Einreise, und lebenswichtige Hilfsgüter wie Krebsmedikamente, Anästhetika und Wasserfilter werden an der Einfuhr gehindert. Die Grenzübergänge sind nur zu bestimmten Zeiten geöffnet und Hilfslieferungen werden wiederholt kontrolliert. Mehrere Hilfslieferungen der Vereinten Nationen in den Norden des Gazastreifens, wo die Not am grössten ist, wurden zurückgewiesen. 

Darüber hinaus ist es gefährlich und schwierig, inmitten ständiger Angriffe, Bombardierungen und beschädigter Strassen Hilfe zu leisten. In den letzten Wochen wurden Hunderte von Zivilisten getötet, als sie versuchten, Lebensmittelhilfe von Lastwagen zu holen. 

Humanitäre Hilfe allein reicht nicht aus, um eine Krise dieses Ausmasses zu bewältigen, zumal Israel nach wie vor die meisten kommerziellen Güter daran hindert, nach Gaza zu gelangen. Kommerzielle Lieferungen machten in der Vergangenheit mehr als 90 Prozent der Lastwagen aus, die den Grenzübergang Kerem Shalom passierten, und es muss viel mehr getan werden, um kommerzielle Lieferungen wieder zuzulassen, damit die lokalen Märkte wieder versorgt werden können. 

Es ist uns zwar gelungen, Hilfe nach Gaza zu bringen, aber bei weitem nicht genug.  

Die Situation ändert sich ständig. Zu Beginn der Krise konnten wir auf unser Notfalldepot zurückgreifen und zusätzlich Hilfsgüter auf dem lokalen Markt in Gaza einkaufen. 

Derzeit wird der Grossteil der Lebensmittel, die wir verteilen, mit UN-Lastwagen über den Kerem-Shalom-Grenzübergang nach Gaza gebracht – aber das reicht bei weitem nicht aus und wird regelmässig blockiert (siehe Frage 7). Wir leisten auch Hilfe über den Grenzübergang Rafah – in den letzten Monaten konnten wir zum Beispiel 1.600 Decken an Familien in Rafah und Khan Yunis und mehr als 3.900 Lebensmittelpakete für den Ramadan ins Land bringen. Einige unserer Projekte, wie die Psychosoziale Unterstützung für Kinder, benötigen keine Hilfslieferungen. 

Wie viele andere NGOs suchen wir ständig nach Möglichkeiten, mehr Hilfe nach Gaza zu bringen und mit Akteuren in der Region zusammenzuarbeiten. Aber nur ein Waffenstillstand und ein Ende der israelischen Blockade können sicherstellen, dass genügend Hilfe ankommt. 

Der Abwurf von Hilfsgütern aus Flugzeugen ist in der Regel nur die letzte Möglichkeit, weil es die am wenigsten effektive Methode ist. Wir haben in Gaza gesehen, dass es sogar tödlich sein kann: Fünf Menschen wurden durch herabfallende Lebensmittelpakete getötet, zwölf weitere ertranken bei dem Versuch, die aus dem Flugzeug abgeworfenen und ins Meer gefallenen Pakete zu bergen. Wenn die Pakete aus grosser Höhe abgeworfen werden, ist es schwierig zu kontrollieren, wo sie landen und wer sie erhält. In Gaza fiel ein Teil der Hilfsgüter ins Meer und ein anderer Teil in gefährliche Gebiete, in denen die Kämpfe wüteten. 

Wir ergreifen Massnahmen, um sicherzustellen, dass die Hilfe die schwächsten Gruppen erreicht – wie ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und verwaiste Kinder. Auch Frauen haben Vorrang. Aber wenn die Hilfe aus der Luft abgeworfen wird, ist es viel schwieriger, dies zu kontrollieren, und oft sind es die stärkeren und gesünderen Männer, die die Hilfe zuerst erreichen. Es ist auch sehr teuer, und liefert eine relativ kleine Menge – ein Fallschirmabwurf liefert normalerweise nur einen Bruchteil der Hilfe, die mit einem Lastwagenkonvoi transportiert werden kann. 

Auch der Zugang über den Seeweg ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden.  

An erster Stelle steht die Logistik. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um Leben zu retten, aber es kann Wochen dauern, bis die Infrastruktur für den Zugang zum Meer, wie etwa ein schwimmender Hafen, aufgebaut ist. In der Zwischenzeit stehen die Lastwagen Schlange, um an Bord zu kommen, sobald sie die Erlaubnis erhalten. Täglich werden Dutzende von Schiffen benötigt. Bisher ist ein Schiff mit 200 Tonnen Hilfsgütern ausgelaufen – das entspricht etwa 15 Lastwagen, benötigt werden mindestens 800 pro Tag. Die Hilfsgüter, die auf dem Seeweg ankommen könnten, sind buchstäblich ein Tropfen auf den heissen Stein im Vergleich zu dem, was benötigt wird. 

Zweitens die Blockade. Israel wird weiterhin alle auf dem Seeweg eintreffenden Hilfsgüter kontrollieren, was bedeutet, dass sie wahrscheinlich den gleichen Beschränkungen und Verzögerungen unterliegen werden, wie sie derzeit an den bestehenden Grenzübergängen zu beobachten sind.   

Drittens: Selbst wenn Hilfsgüter auf dem Seeweg nach Gaza gelangen, müssen sie immer noch auf dem Landweg mit Lastwagen weitertransportiert werden. Da es keinen Waffenstillstand gibt, bleiben diese Landwege gefährlich und unterliegen zahlreichen Beschränkungen. Im Februar berichteten die Vereinten Nationen, dass mindestens 75 % der UN-Missionen im nördlichen Gazastreifen, wo die Hungersnot am schlimmsten ist, von der israelischen Armee am Zugang gehindert wurden.  

Diese See- und Luftinitiativen sind kein Ersatz für die Lieferung von Hilfsgütern auf dem Landweg, die bei weitem der effizienteste Weg ist. 

Gaza erlebt derzeit die grösste Hungerkrise der Welt und eine Hungersnot steht unmittelbar bevor. Es gibt bereits Todesopfer, vor allem Kinder und ältere Menschen, und viele weitere werden sterben, wenn es nicht zu einem Waffenstillstand und einem Ende der Belagerung kommt. 

Fast jeder dritte Säugling leidet an Unterernährung. Eines der beiden teilweise funktionierenden Krankenhäuser im Norden Gazas, das Kamal Adwan Hospital, meldet täglich 15 neue Fälle von unterernährten Kindern.   

Es ist eine Krise, die vollständig von Menschen verursacht wurde, durch die anhaltenden Angriffe und Blockaden Israels und die beschämende Untätigkeit der führenden Politiker der Welt. Die Palästinenser hungern nicht nur, sie werden ausgehungert. Die bewusste Vorenthaltung von Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern für die Zivilbevölkerung verstösst gegen das internationale Menschenrecht. 

Kleinkinder, ältere Menschen, Schwangere und stillende Mütter sind am meisten gefährdet. Das Team von Islamic Relief beschreibt herzzerreissende Szenen: Die meisten Familien haben tagelang nichts zu essen, verzweifelte Kinder essen Blätter und Gras, um zu überleben, und irren auf der Suche nach dem kleinsten Stückchen Nahrung durch die von Trümmern übersäten Strassen. 

Der grösste Teil des fruchtbaren Ackerlandes in Gaza wurde zerstört, und fast die gesamte landwirtschaftliche, Viehzucht- und Fischereiproduktion kam durch die Bombardierungen zum Erliegen. Zwei Fischer wurden in diesem Monat von israelischen Schiffen vor der Küste getötet. Die meisten Bäckereien funktionieren nicht mehr, entweder weil sie bombardiert wurden oder weil ihnen Gas, Wasser und Mehl ausgegangen sind. Die Menschen haben weder Gas noch Kochutensilien und ernähren sich von rohen Nahrungsmitteln, die sie finden können. Während es an Nahrungsmitteln mangelt, steigen die Preise, was es für arme Familien noch schwieriger macht, sich zu ernähren. Fast alle Familien lassen täglich Mahlzeiten aus, und die meisten verbringen Tage ohne Essen, wobei die Eltern ihr eigenes Essen opfern, um ihren Kindern ein paar Bissen mehr zu geben.  

Eine Hungersnot ist ein extremer und weit verbreiteter Mangel an Nahrungsmitteln, der zu Unterernährung und Hungertod führt. Die Integrated Classification of Food Security Phases (IPC) ist dabei, zum internationalen Standard für die Identifizierung von Hungersnöten zu werden.  Sie wird von den Vereinten Nationen unterstützt und basiert auf Standards, Beweisen und fachlichem Konsens. 

Der IPC bewertet die Schwere und das Ausmass von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung auf einer Skala, die mit Phase 1 beginnt, in der die Mehrheit der Bevölkerung Zugang zu angemessener Nahrung hat. In Phase 4 wird die Nahrungsmittelknappheit zu einer humanitären Notlage und in Phase 5 zu einer Katastrophe oder Hungersnot. 

Die Einstufung als Hungersnot ist sehr streng und nur dann gültig, wenn eine Reihe von Protokollen eingehalten wird, darunter der zuverlässige Nachweis, dass: 

  • 1 von 5 Haushalten unter extremem Nahrungsmangel leidet.  
  • 3 von 10 Kindern akut mangelernährt sind.   
  • Mindestens 2 von 10.000 Menschen täglich an den Folgen von Hunger und Unterernährung in Verbindung mit Krankheiten sterben. 

Regierungen und Hilfsorganisationen müssen den IPC nutzen, um eine Hungersnot auszurufen. Dies geschieht jedoch selten und oft zu spät. 

Über eine Million Menschen sind in Rafah gefangen und haben keinen sicheren Ort, an den sie fliehen können. 

Die humanitäre Krise in Rafah wird immer verzweifelter. Fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung des Gazastreifens in diesem winzigen Gebiet zusammengepfercht, das zu einem der am dichtesten besiedelte Orte der Welt geworden ist. Viele Menschen flohen erst, nachdem Israel ihnen befohlen hatte, ihre Häuser in anderen Teilen des Gazastreifens zu räumen, und nun werden sie an dem Ort bombardiert, an dem ihnen Sicherheit versprochen wurde. 

Viele Familien suchen Schutz in notdürftigen Zelten oder unter ein paar Fetzen Stoff oder Plastik. Andere schlafen in kalten Nächten unter freiem Himmel oder drängen sich in überfüllten Häusern und Schulen. Kinder haben tagelang nichts zu essen. Die Menschen haben kein sauberes Trinkwasser, Hunderte teilen sich eine einzige Toilette oder Dusche und Krankheiten breiten sich schnell aus.  

Am dringendsten werden derzeit Nahrungsmittel benötigt. Aber die Situation in Gaza ist eine humanitäre Katastrophe und fast alles wird dringend benötigt – von medizinischen Hilfsgütern und Hygieneartikeln bis hin zu Wasser und Treibstoff. Die gegenwärtige Gewalt und die israelische Belagerung bedeuten, dass all diese Dinge dringend benötigt werden. Die öffentlichen Dienstleistungen in Gaza, die durch die fast 17-jährige israelische Blockade ohnehin schon lahmgelegt waren, sind heute weitgehend zusammengebrochen. 

  • Gesundheitswesen – Die Krankenhäuser brauchen dringend mehr Unterstützung. Nur 12 der 36 Krankenhäuser in Gaza sind noch teilweise funktionsfähig. Sie sind mit Verletzten völlig überlastet, es fehlt an Treibstoff, medizinischen Hilfsgütern und Personal. Ärzte und Notfallteams müssen entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Hunderte von Gesundheitseinrichtungen wurden angegriffen, darunter die grössten Krankenhäuser, und mindestens 348 Mitarbeiter des Gesundheitswesens wurden getötet. Krankenhäuser wurden mehrfach belagert und mussten kranke Patienten evakuieren.   
  • Wasserversorgung und sanitäre Einrichtungen – Ein Grossteil der Infrastruktur in Gaza wurde durch die Bombardierungen beschädigt. 57% der von den Vereinten Nationen bewerteten sanitären Einrichtungen sind beschädigt oder zerstört, 83% der Grundwasserbrunnen funktionieren nicht und keines der Abwassersysteme in Gaza ist voll funktionsfähig. Nur eine von drei Wasserleitungen aus Israel funktioniert noch, und dies auch nur teilweise. Im südlichen Gazastreifen gibt es etwas Wasser, aber das meiste davon ist nicht zum Trinken geeignet. Im nördlichen Gaza-Streifen gibt es kein sauberes Trinkwasser. Die Einfuhrbeschränkungen für Gaza führen zu einem Mangel an lebenswichtigen Gütern wie Chlor und Wasseranalyse-Kits. 
  • Hygiene – Aufgrund des Mangels an sauberem Trinkwasser in Verbindung mit den überfüllten Unterkünften und dem Zusammenbruch der Abwassersysteme breiten sich Krankheiten schnell aus. Mehr als 200.000 Fälle von akutem Durchfall und mehr als 300.000 Fälle von akuten Atemwegsinfektionen sowie Hunderte von Fällen von Gelbsucht, Hepatitis A, Krätze, Hautausschlägen und anderen Krankheiten wurden gemeldet. Andere Hygieneartikel wie Menstruationshygieneartikel für Frauen und Mädchen sind äusserst selten. 
  • Treibstoff – Israel hat am 7. Oktober die Stromversorgung in Gaza gekappt, und seit dem 11. Oktober, als die Treibstoffreserven des einzigen Kraftwerks in Gaza aufgebraucht waren, gibt es einen totalen Stromausfall. Seitdem sind Zivilisten, Krankenhäuser, Unternehmen und Hilfsorganisationen in Gaza auf den wenigen Treibstoff angewiesen, der transportiert werden darf – und der reicht bei weitem nicht aus. Mehrere Krankenhäuser und Bäckereien mussten ihren Betrieb wegen Treibstoffmangels einstellen. Weder Gaza-Stadt noch Nord-Gaza wurden seit Ende Oktober 2023 mit Treibstoff versorgt, was zu einem gravierenden Mangel an Dienstleistungen, Wasserknappheit, Müllansammlungen und überlaufenden Abwässern geführt hat. Gaza benötigt Treibstoff, um Krankenhäuser zu betreiben, Wasser und Abwasser aufzubereiten, Abfall zu entsorgen und die Grundbedürfnisse der Bevölkerung für alltägliche Dinge wie Essen und Kochen zu decken. 

Es ist ein Skandal, dass einige der wichtigsten Geber ihre Hilfe für UNRWA, den wichtigsten Versorger von Millionen Palästinensern, ausgesetzt haben, während sich die humanitäre Katastrophe rapide verschlimmert. Diese Aussetzung wird schwerwiegende humanitäre Folgen haben und viele Menschenleben gefährden. 

NGOs und UN-Organisationen, die in Gaza arbeiten, sind weiterhin Angriffen und politisch motivierten Anschuldigungen ausgesetzt, die oft ohne glaubwürdige Beweise vorgebracht werden.  

Sechzehn Geber haben ihre Unterstützung vorerst ausgesetzt. Wir freuen uns, dass viele von ihnen – darunter Kanada, Australien, die Schweiz, Finnland, Dänemark und Norwegen – die Finanzierung des UNRWA inzwischen wieder aufgenommen haben und rufen andere auf, es ihnen gleich zu tun. 

Spitäler in Gaza wurden wiederholt angegriffen, sodass 24 der 36 Spitäler ihren Betrieb einstellen mussten, während die übrigen schwerfällig und überlastet weiterarbeiteten. Ambulanzen wurden bombardiert, weil sie zivile Verletzte transportierten, und mindestens 348 Mitarbeiter des Gesundheitswesens wurden getötet. 126 Ambulanzen wurden beschädigt.  

Während des jüngsten Angriffs (zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts Juni 2024) im März belagerten die israelischen Streitkräfte mehr als zehn Tage lang das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt und weigerten sich Berichten zufolge, den Zivilschutzteams zu erlauben, Hunderten von Verletzten zu helfen. Kranke und verwundete Zivilisten wurden dort mit wenig Nahrung und Wasser eingesperrt, während um sie herum gekämpft wurde, und Zivilisten wurden dort inhaftiert. Für chirurgische Eingriffe genutzte Gebäude sind zerstört worden. Im Al-Amal-Krankenhaus in Khan Yunis zwangen die israelischen Streitkräfte das gesamte medizinische Personal und die verwundeten Patienten, das Krankenhaus zu verlassen, und zwangen es, seine Türen zu schliessen. Im European Gaza Hospital in Khan Yunis haben mehr als 22.000 Vertriebene Zuflucht gefunden, und die Korridore sind überfüllt mit verzweifelten vertriebenen Familien, die nirgendwo anders unterkommen können. 

Die Angriffe auf Krankenhäuser in Gaza sind schrecklich. Das Völkerrecht verlangt, dass Krankenhäuser und medizinisches Personal geschützt werden und niemals für militärische Zwecke missbraucht werden dürfen. Die Staats- und Regierungschefs der Welt fordern Israel auf, die Angriffe auf Krankenhäuser und andere zivile Einrichtungen wie Schulen einzustellen. Es ist niemals moralisch vertretbar, Krankenhäuser voller Verletzter und verängstigter Zivilisten anzugreifen. 

Ein sofortiger und dauerhafter Waffenstillstand ist notwendig – eine weitere temporäre Waffenruhe reicht nicht aus, um das Blutvergiessen zu stoppen und die humanitäre Katastrophe zu beenden. Die letzte Waffenruhe hat einige positive Entwicklungen gebracht, wie die sichere Freilassung einiger Geiseln und gefangener Kinder, aber wir haben nur sehr wenige Verbesserungen bei der Lieferung humanitärer Hilfe gesehen – das Massaker ging nur wenige Tage später weiter. 

In Gaza gibt es etwa 50.000 schwangere Frauen und jeden Tag bringen etwa 180 Frauen ihre Kinder unter unvorstellbaren Bedingungen zur Welt. Das Team von Islamic Relief in Gaza berichtet von Kaiserschnitten ohne Betäubung oder Schmerzmittel und von Geburten inmitten von Trümmern, in Zelten oder Autos, weil sie keinen Zugang zu Krankenhäusern oder medizinischen Einrichtungen haben. Schwangere und Neugeborene wurden wiederholt gezwungen, die Krankenhäuser zu verlassen, und humanitäre Helfer berichten von einem starken Anstieg von Frühgeburten aufgrund der extremen Stresssituation.  

Die meisten Menschen in Gaza wurden aus ihren Häusern vertrieben und leben nun in überfüllten Unterkünften ohne sauberes Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen. In einigen Unterkünften teilen sich Hunderte von Männern, Frauen und Kindern eine einzige Toilette oder Dusche, und Frauen müssen stundenlang anstehen. Das völlige Fehlen von Privatsphäre setzt Frauen einem noch grösseren Risiko von Belästigungen und Übergriffen aus. 

Eine weitere grosse Herausforderung für Frauen und Mädchen ist der gravierende Mangel an Hygieneartikeln und Materialien für die Monatshygiene. Einige von ihnen müssen Stofffetzen oder zerrissene Kleidung verwenden, was zu Infektionen führt. Damenbinden sind nur selten erhältlich, und selbst wenn sie auf dem lokalen Markt angeboten werden, sind sie für die meisten Frauen unerschwinglich. Seit Oktober hat das Team von Islamic Relief in Gaza rund 44.000 Hygiene– und Würdepakete verteilt, die unter anderem Damenbinden und andere Hygieneartikel enthalten. 

Da Schwangere und junge Mütter besonders anfällig für Mangelernährung sind, verzichten viele Eltern für sie auf eigene Lebensmittel – trotzdem verbringen die meisten Frauen in Gaza ganze Tage ohne Nahrung. Viele junge Mütter leiden an Dehydrierung, weil sie nicht genug Wasser bekommen, was das Stillen zusätzlich erschwert. 

Es ist der tödlichste Konflikt für humanitäre Helfer seit vielen Jahren. Mindestens 348 Mitarbeiter des Gesundheitswesens und 196 humanitäre Helfer wurden getötet. 

Niemand ist derzeit in Gaza sicher. Aber wir sind erleichtert, dass bisher kein Mitarbeiter von Islamic Relief verletzt oder getötet wurde – auch wenn einige von uns mit ansehen mussten, wie Familienangehörige bei den Bombenangriffen getötet wurden. Das Islamic Relief-Büro in Gaza-Stadt wurde durch die Bombardierungen schwer beschädigt und Bomben fielen in der Nähe, während unsere Mitarbeiter Zivilisten Hilfe leisteten. Wie die meisten Menschen in Gaza mussten auch die meisten unserer Mitarbeiter fliehen und versuchen nun, sich und ihre Familien zu schützen, während sie lebensrettende Hilfe leisten. 

Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um sie in dieser Zeit zu unterstützen. Aber bei massiven Bombenangriffen auf bewohnte Gebiete ist es unmöglich, die Sicherheit von irgendjemandem zu garantieren.  

Für viele Menschen in Gaza ist die ankommende Hilfe der einzige Rettungsanker. Die Büros von Islamic Relief auf der ganzen Welt haben einen Notruf gestartet, um uns zu helfen, weiterhin lebensrettende Hilfe nach Gaza zu bringen. 

Schon vor dem Krieg litten viele Menschen in Gaza an psychischen Problemen. Die 17-jährige israelische Blockade, die Gaza vom Rest der besetzten palästinensischen Gebiete und vom Rest der Welt abgeschnitten hat, sowie die häufig eskalierenden Bombardierungen hatten verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen. Studien haben gezeigt, dass über 68% der Teenager in Gaza eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) entwickelt haben, während 95% unter schweren Angstzuständen leiden. Viele Menschen in Gaza haben extreme Gewalt erlebt, aber keine war schlimmer als die derzeitigen Angriffe. Eine ganze Generation erlebt ein Trauma, das sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen können. Sie haben gesehen, wie ihre Angehörigen durch Bomben zerfetzt wurden, wie ihre Häuser und Schulen in Schutt und Asche gelegt wurden und wie sie fliehen mussten. Dies hat langfristig verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit einer ganzen Bevölkerung. 

Gaza ist zum gefährlichsten Ort der Welt für ein Kind geworden. Kinder in Gaza werden erbarmungslos getötet – seit dem 7. Oktober etwa 80 Kinder pro Tag. Tausende weitere werden verletzt, viele tragen lebenslange Schäden wie den Verlust von Gliedmassen davon. 

Den überlebenden Kindern wird die Versorgung mit Nahrung, Wasser und Medikamenten verweigert. Einige Säuglinge sind inzwischen verhungert. Kinder wurden bombardiert, als sie sich auf der Flucht in Sicherheit bringen wollten. Sie mussten mit ansehen, wie ihre Freunde und Familien getötet und ihre Häuser und Schulen in Schutt und Asche gelegt wurden. Ein Albtraum, aus dem sie nicht erwachen können. 

Wir machen uns grosse Sorgen um die Sicherheit und das Wohlergehen der Kinder in Gaza. Wir sorgen uns aber auch um ihre Zukunft. Eine ganze Generation ist mit einem Trauma konfrontiert, das die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, und das langfristig verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Kinder haben wird. 

625.000 Mädchen und Jungen im schulpflichtigen Alter gehen seit mehr als acht Monaten nicht mehr zur Schule, und es ist unwahrscheinlich, dass sie in naher Zukunft in die Schule zurückkehren können. Mindestens 396 der 495 Schulen im Gazastreifen (80%) weisen dauerhafte Schäden auf. In dem Ausmass, in dem die Bildung der Kinder unterbrochen wird, rücken ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft in immer weitere Ferne.  

Während sich alle Aufmerksamkeit auf Gaza richtet, hat die Gewalt gegen palästinensische Zivilisten in der Westbank, einschliesslich Ost-Jerusalem, zugenommen. 

Bereits vor der Eskalation am 7. Oktober war 2023 für die Palästinenser im Westjordanland das tödlichste Jahr seit fast 20 Jahren. Seit dem 7. Oktober hat sich die Lage weiter verschlechtert. Mindestens 438 Palästinenser wurden getötet, darunter mehr als 100 Kinder. Damit sind in den letzten drei Monaten mehr Menschen im Westjordanland getötet worden als im gesamten Jahr seit Ende der zweiten Intifada 2005. Mindestens 4.700 Palästinenser wurden verletzt, darunter 725 Kinder.  

Israel hat auch den Abriss von palästinensischen Häusern und anderen Strukturen wie landwirtschaftlichen Einrichtungen oder Schulen intensiviert – im Jahr 2023 wurden mindestens 1.129 Abrisse registriert, die höchste jährliche Gesamtzahl, seit die Vereinten Nationen vor fast 20 Jahren begannen, diese Daten zu verfolgen. Mit fast 200 registrierten Demolierungen in den ersten beiden Monaten des Jahres 2024 ist dieses Jahr bereits auf dem Weg zu einer noch höheren Zahl. Auch die Angriffe auf Gesundheits- und Zivildienste haben zugenommen, seit dem 7. Oktober wurden mehr als 330 Angriffe auf palästinensische Gesundheitsdienste registriert. 

Israel hat auch den Zugang nach Jerusalem und zu anderen wichtigen religiösen Stätten für viele Palästinenser, insbesondere für Männer, zunehmend eingeschränkt. Seit dem 7. Oktober hat die israelische Polizei neue Beschränkungen für den Zugang von Palästinensern zur Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, der drittheiligsten Stätte des Islam, verhängt. Auch christliche Palästinenser sind mit israelischen Zugangsbeschränkungen zu den heiligen Stätten in Jerusalem konfrontiert.    

Wir sind äusserst besorgt über die Gefahr einer Eskalation im Nahen Osten. Wir fordern alle Akteure nachdrücklich auf, diplomatischen Mitteln den Vorzug vor militärischen Optionen zu geben und auf eine Deeskalation der Krise hinzuwirken. 

Wir sind besonders besorgt über die humanitären Folgen der jüngsten militärischen Eskalation im Jemen und im Roten Meer. Die humanitäre Krise im Jemen ist nach wie vor eine der grössten der Welt, und nach fast neun Jahren Krieg sind mehr als 21 Millionen Menschen verzweifelt auf Hilfe angewiesen. Der Krieg wird die Lage der gefährdeten Bevölkerungsgruppen weiter verschlechtern und die Fähigkeit der Hilfsorganisationen zur Erbringung grundlegender Dienstleistungen beeinträchtigen.   

Wir sind auch besorgt über die Eskalation der Konflikte im Südlibanon. Mehr als 91.000 Zivilisten wurden vertrieben, Schulen und Gesundheitszentren wurden geschlossen und der Bedarf an humanitärer Hilfe steigt. Wir rufen zur Einstellung der Feindseligkeiten auf. 

Seit 1997 sind wir in den besetzten palästinensischen Gebieten tätig. Im vergangenen Jahr haben wir mit unserer Arbeit in Gaza fast einer Million Menschen geholfen. Wir haben ein Büro mit 16 Mitarbeitern – alle Palästinenser, die in Gaza leben. 

Ein Grossteil unserer Arbeit und Hilfe wird in Koordination mit lokalen und internationalen humanitären Partnerorganisationen geleistet. Unser Team hat langfristige Partnerschaften (fünf Jahre oder länger) mit 13 lokalen Organisationen aufgebaut. Mit zwei dieser lokalen Partner arbeiten wir seit Ausbruch des Krieges zusammen. Aufgrund der grossen Risiken, denen humanitäre Helfer ausgesetzt sind, möchten diese aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannt werden. Wir arbeiten auch mit wichtigen internationalen Partnern wie dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) zusammen. 

Über das System der Ländergruppen arbeiten wir auch eng mit anderen internationalen humanitären Organisationen und den in Gaza tätigen UN-Organisationen zusammen, um die globale humanitäre Nothilfe so effektiv und koordiniert wie möglich zu gestalten. 

Wir haben auf unsere Spendenaufrufe aus der ganzen Welt sehr grosszügige Antworten erhalten. So konnten wir bisher über 12 Millionen Franken für Hilfsgüter in Gaza ausgeben, darunter Nahrungsmittel, Medikamente, Wasser und Hygienepakete. 

Aber das ist noch nicht genug. Der Bedarf in Gaza ist enorm und wächst von Tag zu Tag. Wir brauchen einen dauerhaften Waffenstillstand und ein Ende der Belagerung, damit die Menschen sicheren Zugang zu den Hilfsgütern haben, die sie brauchen. 

Familien mit Bargeld zu versorgen, ist oft ein sehr effektiver Teil der Nothilfe. Zu Beginn des Krieges in Gaza haben wir im Rahmen unseres Nothilfeprogramms Lebensmittelgutscheine an Familien verteilt. Derzeit geben wir jedoch der Verteilung von Nahrungsmitteln den Vorzug vor Bargeld, da es auf den lokalen Märkten nicht genügend Vorräte gibt, die die Menschen kaufen könnten. 

Nein, unsere langfristigen Programme sind derzeit aufgrund der extremen Unsicherheit und der aktuellen Notsituation ausgesetzt. Unsere derzeitige Arbeit ist ausschliesslich auf die Bewältigung der Notsituation ausgerichtet. Wir hoffen, die langfristigen Programme wieder aufnehmen zu können, sobald ein Waffenstillstand vereinbart wurde. 

Das Waisenpatenschaftsprogramm ist immer noch aktiv und wir haben dies während der aktuellen Krise ausgeweitet – wir haben 2000 zusätzliche Waisenpatenschaften übernommen und unterstützen nun 10.624 Waisenkinder in Gaza. Wir haben die Patenschaftsbeiträge überwiesen, die über verschiedene Verkaufsstellen, mithilfe des Zahlungssystems des Welternährungsprogramms (WFP) abgehoben werden können. 

In der aktuellen Notsituation ist der Bedarf an Patenschaften für Waisenkinder stark gestiegen. Wir freuen uns über neue Spenden für Waisenkinder in Gaza. Es ist wichtig zu erwähnen, dass auch der Bedarf im Westjordanland gestiegen ist. Der Bedarf an Patenschaften für Waisenkinder über unseren lokalen Partner ist gestiegen und wir freuen uns auch in dieser Region über neue Paten. 

Unser Patenschaftsprogramm für Waisenkinder unterstützt 10.624 Familien und ist weiterhin aktiv. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat uns bestätigt, dass rund 81 Prozent der Waisenfamilien das Patenschaftsgeld abheben konnten. Unser Team versucht die Familien ausfindig zu machen, die noch kein Geld abgehoben haben. Leider haben wir die traurige Nachricht erhalten, dass 117 Waisenkinder verstorben sind, von denen 3 durch das Büro in der Schweiz betreut wurden. Die Paten dieser Waisen wurden informiert. 

In der aktuellen Situation ist fast die gesamte Bevölkerung in Gaza aufgrund des Mangels an Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung sowie der massiven Vertreibung gefährdet. Islamic Relief hilft so vielen Menschen wie möglich und konzentriert sich dabei so weit wie möglich auf die schwächsten Bevölkerungsgruppen wie Vertriebene, Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. 

Unsere Teams sind seit 1997 in der Region tätig. 

Unsere Arbeit in Gaza – wie auch in anderen Teilen der Welt – wird regelmässig von führenden internationalen Prüfern kontrolliert, um sicherzustellen, dass unsere Mittel die Bedürftigen erreichen und ausschliesslich für humanitäre Zwecke verwendet werden.  

Islamic Relief hat sehr strenge Richtlinien und Prozesse, um sicherzustellen, dass die Hilfe ausschliesslich für humanitäre Zwecke verwendet wird. Wir überprüfen alle Partnerorganisationen, bevor wir mit ihnen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass sie einen guten Ruf haben, vertrauenswürdig sind und unsere Verpflichtung zu den humanitären Prinzipien der Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit teilen. Wir führen auch gründliche Prüfungen durch, um die Qualität ihrer Arbeit sicherzustellen, einschliesslich der Richtlinien, die sie zur ordnungsgemässen Verwaltung der Mittel und zum Schutz der Menschen, denen wir helfen, eingeführt haben.  

Wir sind kein Partner der Hamas oder anderer politischer Bewegungen und akzeptieren keine Einmischung in die Auswahl von Begünstigten, Partnerorganisationen, Lieferanten oder Mitarbeitern. 

Nein, Islamic Relief hilft ausschliesslich der Zivilbevölkerung. Wir tun dies im Einklang mit den humanitären Prinzipien der Unparteilichkeit, Menschlichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit. 

Wir haben uns verpflichtet, die Spenderinnen und Spender so gut wie möglich auf dem Laufenden zu halten. Wir haben regelmässige Updates über unsere Aktivitäten erstellt, einschliesslich der Orte und der Anzahl der Menschen, die wir erreicht haben, sowie Foto- und Videomaterial. Allerdings ist die Situation in Gaza derzeit sehr schwierig – neben der extremen Unsicherheit durch Angriffe auf humanitäre Helferinnen und Helfer kämpfen unser Team und unsere Partner mit Treibstoff- und Stromknappheit sowie häufigen Internetausfällen. Unser Team und unsere Partner arbeiten ausserdem rund um die Uhr, um ihre eigenen Familien zu unterstützen und zu versorgen. Daher kann der Informationsfluss manchmal durch Faktoren eingeschränkt werden, die ausserhalb unserer Kontrolle liegen.  

Wir halten Antisemitismus für verabscheuungswürdig. Wir verpflichten uns, Diskriminierung und Hass in jeder Form zu bekämpfen. Wir werden weder Antisemitismus noch irgendeine Form von Diskriminierung durch einen unserer Vertreter tolerieren. 

Diese Behauptung ist völlig falsch und unbegründet. Es wurde nie ein glaubwürdiger Beweis dafür vorgelegt.   

Unsere Massnahmen und unsere Projekte in Palästina sind rein humanitärer Natur. Wir liefern Nahrungsmittel und unterstützen Bildung, Gesundheitsversorgung, Existenzsicherung und Beschäftigung für junge Menschen. Wir unterstützen weder die Hamas noch andere Gruppen. Wir verurteilen auf das Schärfste alle Gewaltakte gegen die Zivilbevölkerung.  

Wir haben versucht, diese Einstellung durch das israelische Rechtssystem anzufechten, aber unsere Anhörungen wurden regelmässig verschoben. Es ist teuer und zeitaufwendig, aber die Gerichte sind der einzige Ort, an dem wir unseren Ruf verteidigen und für die Menschen, denen wir dienen, eintreten konnten.    

Unsere Arbeit in Palästina wurde von führenden internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften unabhängig geprüft. Sie haben die Projekte, Partnerschaften, Finanzen, Mitarbeiter, Systeme und Prozesse von Islamic Relief Worldwide einer strengen Prüfung unterzogen, um sicherzustellen, dass unsere Arbeit den Bedürftigen zugutekommt und dass das Geld nicht in die falschen Hände gerät. Die Prüfungen ergaben, dass die Systeme und Prozesse ordnungsgemäss funktionierten und keine Verbindungen zum Terrorismus bestehen.   

Als internationale Hilfsorganisation, die sich der Beseitigung von Leid in der Welt verschrieben hat, verabscheut Islamic Relief Terrorismus in all seinen Formen. Wir weisen kategorisch alle Anschuldigungen zurück, mit Terrorismus oder Gewalt in irgendeiner Form in Verbindung zu stehen. 

Weit davon entfernt, den Terrorismus zu unterstützen, sind wir oft Opfer von Gewalt. In den 40 Jahren unseres Bestehens (30 Jahre für das Schweizer Büro) haben wir acht mutige Mitarbeitende durch Bomben und Beschuss in Afghanistan, Pakistan, Syrien, Somalia, Kenia und im Jemen verloren. Dies hat uns in unserer Entschlossenheit bestärkt, extreme Armut zu bekämpfen, den Zugang zu Bildung für Männer, Frauen und Kinder zu verbessern und mit Menschen auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, um ihre Widerstandsfähigkeit in Konfliktsituationen zu stärken.